Wangerooge in Ostfriesland – die östlichste Insel mit der eigenen Eisenbahn
„Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt" – der Wahlspruch von Wangerooge ist Programm: Auf der östlichsten der Ostfriesischen Inseln bringt die einzige Schmalspurbahn der Deutschen Bahn die Gäste vom Fähranleger durch die Salzwiesen ins autofreie Dorf. Dazu kommen zwölf Kilometer Sandstrand, zwei Leuchttürme und über 200 Jahre Bädertradition. Der Überblick vom Kenner.
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Die östlichste und zweitkleinste der Ostfriesischen Inseln ist ein Kapitel für sich – im Wortsinn, denn verwaltungsmäßig gehört sie als einzige der sieben Inseln zum Landkreis Friesland, geografisch und gefühlt aber fest zur ostfriesischen Inselkette. Rund 1.200 Insulaner leben hier, Urlauber kommen seit mehr als 200 Jahren – zum Erholen, Durchpusten und wegen der Heilkraft des Meeres; seit 2014 trägt die Insel das Prädikat zertifiziertes Thalasso-Nordseeheilbad. Was den Rhythmus angeht, gibt der Wahlspruch der Insel die Richtung vor: „Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt." Die Fähre gleitet mit gemütlichen 9 Knoten übers Watt, die Inselbahn „beschleunigt" danach auf Tempo 20 – höhere Geschwindigkeiten kennt hier nur der Wind.
Anreise: Fähre, Inselbahn und der Fünf-Minuten-Flieger
Die Anreise ist auf Wangerooge selbst schon eine Attraktion. Die weißen Fährschiffe legen in Harlesiel ab und brauchen je nach Wasserstand rund 45 bis 60 Minuten – die Verbindung ist tideabhängig, der Fahrplan ändert sich täglich; schneller geht es mit dem Watt Sprinter in etwa 20 Minuten. Am Hafen an der Südwestspitze wartet dann das Herzstück: die Inselbahn, die einzige Schmalspurbahn der Deutschen Bahn – Fähre und Bahn werden tatsächlich von DB Fernverkehr betrieben. Rund 15 Minuten rollt der Zug durch die Salzwiesen des Naturschutzgebiets, vorbei an Lagunen und Wasserlöchern (einstige Bombenkrater, die die Natur als Biotope zurückerobert hat), bis zum Jugendstil-Bahnhof im Dorf – das in Harlesiel aufgegebene Gepäck wird automatisch mit verladen und steht dort zur Abholung bereit. Das Schönste für Bahnreisende: DB-Tickets lassen sich von jedem deutschen Bahnhof bis zum Zielbahnhof „Wangerooge" durchbuchen – Bus, Fähre und Inselbahn inklusive; Zubringer fahren ab Sande, Wittmund und Norden. Wer es eilig hat, nimmt den Inselflieger der FLN ab Harlesiel: rund fünf Flugminuten, Landung nahe dem Dorfzentrum – im Sommer früh buchen, die Plätze sind knapp. Das Auto bleibt derweil auf den Parkplätzen und in den Garagen am Festlandhafen; die Mitnahme auf die autofreie Insel ist nicht möglich.
Strand und Dorf: alles in zehn Gehminuten
Wangerooges großer Lagevorteil: Der zwölf Kilometer lange Sandstrand liegt direkt am Inseldorf an der Strandpromenade – vom Quartier bis in den Sand sind es nie mehr als ein paar Minuten, überhaupt ist auf der Insel alles binnen etwa zehn Gehminuten erreichbar. Von Frühjahr bis Herbst stehen rund 1.100 Strandkörbe bereit, und wer den Sonnenuntergang nicht verlassen will, bucht im Sommer einen der Schlafstrandkörbe für eine Nacht am Meer. Hundehalter finden östlich des Badestrands einen ausgewiesenen Hundestrand samt Hundedusche. Und weil vor der Insel gleich drei große Schifffahrtswege verlaufen, gehört das Beobachten der „großen Pötte" am Horizont zum Strandtag dazu. Erwähnenswert auch: Abgesenkte Bordsteine, Rampen und ein E-Mobil-Verleih machen Wangerooge für Gäste mit Rollator oder Rollstuhl gut nutzbar.
Sehenswürdigkeiten: zwei Leuchttürme, ein Westturm und der Pudding
- Alter Leuchtturm: Das 39 Meter hohe Wahrzeichen beherbergt im Erdgeschoss das Inselmuseum zur Insel- und Seefahrtsgeschichte – und wer die 146 Stufen steigt, hat den besten Überblick über die ganze Insel. Das aktive Leitfeuer übernahm später der 67 Meter hohe Neue Leuchtturm.
- Westturm: Das zweite Wahrzeichen grüßt schon von der Fähre aus. Der markante Backsteinturm am Westende hatte Vorgängerbauten bis zurück zum Kirchturm von St. Nikolai aus dem 14. Jahrhundert – heute beherbergt er eine Jugendherberge mit 168 Betten, die günstigste Übernachtungsadresse der Insel.
- Café Pudding: Die Kuriosität der Promenade: ein Café auf einem runden Dünenhügel, auf dem 1855 eine Bake stand, der im Krieg zum Bunker ausgebaut und danach zum Café wurde. Der Inselspaziergang „einmal um den Pudding" ist geflügeltes Wort.
- Meerwasser-Erlebnisoase: Erlebnisbad mit 74-Meter-Rutsche, Sauna, Thalasso-Anwendungen und Gesundheitszentrum unter einem Dach an der Promenade – samt dem 12,4 Meter langen Skelett eines 2016 auf der Insel gestrandeten Pottwals. Die verlässliche Schietwetter-Adresse.
Natur und Aktivitäten: Watt, Robben und Rad
Die Insel liegt mitten im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, seit 2009 UNESCO-Weltnaturerbe: Geführte Wattwanderungen, Dünenlandschaft und Vogelschutzgebiete gehören zum Kernprogramm. Vom Hafen starten Schiffsausflüge zu den Seehundbänken – mit etwas Glück zeigt sich dort neben den Seehunden auch die Kegelrobbe, das größte Raubtier Deutschlands – sowie zur Nachbarinsel Spiekeroog. Aktive finden Fahrradverleihe (samt Bollerwagen), eine Surfschule, Tennis- und Squashhalle, eine Golfanlage und einen Reitstall, der Ausritte durch Dünen und am Strand anbietet.
Praktische Tipps für den Wangerooge-Urlaub
- Fahrplan zuerst: An- und Abreise richten sich nach der tideabhängigen Fähre – bei Sturm kann sich der Plan kurzfristig ändern; die aktuellen Zeiten veröffentlicht die Schifffahrt und Inselbahn Wangerooge.
- Mit der Bahn anreisen: Das Durchbuchen bis „Bahnhof Wangerooge" ist die entspannteste Anreise der ganzen Inselkette – ein Ticket, keine Parkplatzsuche.
- Gepäck aufgeben: Auf den Fähren besteht Gepäckaufgabepflicht; wer mag, lässt die Koffer per Gepäckservice direkt bis zur Unterkunft bringen.
- Gästebeitrag einplanen: Die Gästecard gibt es beim Boarding, kontrolliert wird bei der Abreise am Bahnhof – enthalten sind unter anderem der Strandzugang, bewachte Badefelder und freier Eintritt ins Nationalpark-Haus.
- Früh buchen: Ferienwohnungen und Hotels sind in den Sommerferien lange im Voraus vergriffen – die Nebensaison ist die stille Alternative, und die Erlebnisoase hat auch dann geöffnet.
- Tagesausflug möglich: Ab Harlesiel funktioniert Wangerooge gut als Tagesziel – die Gezeiten im Blick, reicht ein Tag für Strand, Leuchtturm und eine Runde um den Pudding.
Kurz gesagt: Wangerooge ist die Insel der charmanten Eigenheiten – die einzige DB-Schmalspurbahn, ein Café auf dem Bunker, zwei Leuchttürme und ein Strand direkt vorm Dorf. Wer sich auf den Inseltakt einlässt, versteht den Wahlspruch schnell: Zeit ist hier reichlich vorhanden – nur mit der Eile hat es die Insel nicht.