Leuchttürme in Ostfriesland: alle Türme von Pilsum bis Wangerooge
Kein Motiv steht so für Ostfriesland wie der gelb-rot geringelte Pilsumer Leuchtturm – doch er ist nur einer von vielen: Zwischen Emsmündung und Wangerooge stehen einige der bemerkenswertesten Leuchttürme Deutschlands, darunter der höchste des Landes und einer der ältesten. Welcher Turm besteigbar ist, wo geheiratet werden kann und warum vier Inseln gar keinen Leuchtturm haben – der Überblick vom Kenner.
Leuchttürme sind die Wahrzeichen unserer Küste – und Ostfriesland hat dabei mehr Superlative zu bieten, als viele ahnen: den wohl berühmtesten Leuchtturm Deutschlands (danke, Otto), den höchsten, einen der ältesten und dazu Türme, in denen geheiratet, geheult (vor Rührung) und Museum besucht wird. Hier der komplette Überblick über alle großen Türme zwischen Krummhörn und Wangerooge – mit den ehrlichen Antworten auf die zwei wichtigsten Fragen: Kommt man rauf? Und lohnt sich das Foto?
Die zwei Klassiker am Festland
Pilsumer Leuchtturm – der Star (Krummhörn)
Elf Meter klein, gelb-rot geringelt, mutterseelenallein auf der grünen Deichkrone: Der Pilsumer Leuchtturm von 1891 ist das meistfotografierte Motiv Ostfrieslands – und seit Otto Waalkes ihn in seinem Film verewigte, bundesweit als „Otto-Leuchtturm" berühmt. Als Seefeuer hat er längst ausgedient, dafür glänzt er als Fotokulisse und beliebtes Standesamt: Wer hier Ja sagt, hat die wohl maritimste Trauung des Landes. Praktisch: Der Turm steht mitten im Vogelschutzgebiet am Deich zwischen Pilsum und Greetsiel – die Anfahrt endet am Parkplatz, die letzten Meter geht oder radelt man; am schönsten ist die Anreise ohnehin per Rad über die Krummhörn-Tour. Bestes Licht: später Nachmittag, wenn die Sonne die Ringel zum Leuchten bringt.
Campener Leuchtturm – der Riese (Krummhörn)
Nur wenige Kilometer südwestlich steht das komplette Gegenteil: Der Leuchtturm Campen ist mit rund 65 Metern der höchste Leuchtturm Deutschlands – eine filigrane Stahlgitterkonstruktion, die nicht zufällig an den Eiffelturm erinnert, und bis heute aktives Seezeichen für die Emsmündung. Wer die 308 Stufen erklimmt, wird mit einem Panorama über Krummhörn, Ems und bei klarer Sicht bis Borkum belohnt. Die Kombination aus beiden Türmen an einem Tag – der Kleine und der Riese, verbunden durch die Warfendörfer – ist der klassische Leuchtturm-Radausflug der Region.
Die Inseltürme
Borkum – die Insel der drei Leuchttürme
Keine deutsche Insel hat mehr: Der Neue Leuchtturm von 1879 ist mit ebenfalls 308 Stufen besteigbar und bietet den besten Rundblick über die größte Ostfriesische Insel. Der Alte Leuchtturm von 1576 gehört zu den ältesten Türmen der Nordseeküste – ursprünglich als Kirchturm und Seezeichen errichtet, heute mit Trauzimmer für Hochzeiten mit Geschichte. Und der Elektrische Leuchtturm, der rot-weiße kleine Dritte im Bunde, war einst einer der ersten elektrisch betriebenen Leuchttürme Deutschlands. Wer alle drei an einem Tag abläuft, hat nebenbei die halbe Insel gesehen.
Norderney – der rote Backstein-Klassiker
Mitten in der Inselmitte, auf einer zehn Meter hohen Düne, steht seit 1874 der Große Leuchtturm von Norderney: knapp 60 Meter roter Backstein, 252 Stufen, besteigbar etwa von April bis Oktober. Die Belohnung oben: bei klarer Sicht der Blick über vier Nachbarinseln – von Juist und Borkum im Westen bis Langeoog und Spiekeroog im Osten. Kaum ein anderer Punkt zeigt die Inselkette so komplett. Die Anfahrt per Leihrad durch die Dünen gehört zum Pflichtprogramm jedes Norderney-Besuchs.
Wangerooge – zwei Türme, ein Museum
Die östlichste Insel leistet sich gleich zwei: Der Alte Leuchtturm von Wangerooge – 39 Meter, 146 Stufen – ist das Wahrzeichen der Insel und beherbergt im Erdgeschoss das Inselmuseum zur See- und Inselgeschichte; oben wartet der beste Blick über das Dorf bis zum Wattenmeer. Das aktive Leitfeuer übernahm der Neue Leuchtturm mit stattlichen 67 Metern, der nicht öffentlich zugänglich ist. Und dann ist da noch der Westturm am anderen Inselende – kein Leuchtturm im engeren Sinn, aber als Seezeichen-Nachfolger einer Turmlinie, die bis zu einem Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert zurückreicht, das zweite Wahrzeichen der Insel. Heute schläft man darin: Der Backsteinturm ist eine Jugendherberge.
Warum haben Juist, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog keinen Leuchtturm?
Die Frage kommt bei Inselgästen verlässlich – und die Antwort ist ein Stück Seefahrtsgeschichte: Große Leuchttürme markieren die tiefen Fahrwasser für die Berufsschifffahrt, und die verlaufen an unserer Küste vor allem durch die Emsmündung (Campen, Borkum), am Seegat von Norderney und an der Jade- und Weserzufahrt (Wangerooge). Die Inseln dazwischen liegen abseits der großen Schifffahrtsstraßen – dort genügen kleinere Leitfeuer und Baken. Deshalb tragen Juist, Langeoog und Co. stattdessen Wassertürme als Wahrzeichen, und Norderneys berühmtes Kap von 1849 erinnert daran, wie Seezeichen vor der Leuchtturm-Ära aussahen: als hölzerne und steinerne Peilbaken, nach denen die Kapitäne navigierten. Wer also auf Langeoog vergeblich einen Leuchtturm sucht: Der Wasserturm auf der Düne ist der offizielle Ersatz fürs Postkartenmotiv.
Praktische Tipps für Leuchtturm-Fans
- Besteigbar sind: Campen (308 Stufen), Borkums Neuer Leuchtturm (308 Stufen), Norderney (252 Stufen, saisonal) und Wangerooges Alter Leuchtturm (146 Stufen). Öffnungszeiten sind saisonal und wetterabhängig – vorab bei der jeweiligen Tourist-Information prüfen.
- Der Pilsumer ist nicht besteigbar – er ist ein Foto- und Trauungsort. Wer hinauf will, nimmt Campen; wer das berühmte Bild will, kommt nach Pilsum. Beides an einem Tag ist die perfekte Kombination.
- Fototipps: Pilsum im warmen Abendlicht mit Schafen im Vordergrund, Norderney zur blauen Stunde, wenn das Feuer läuft, Campen aus der Froschperspektive fürs Eiffelturm-Gefühl. Im Frühjahr liefert der Raps am Deich die Farbexplosion gratis.
- Mit Kindern: Die Stufenzahlen ernst nehmen – 308 Stufen sind für kleine Beine ein echtes Projekt. Wangerooge ist mit 146 Stufen der familienfreundlichste Aufstieg, das Inselmuseum im Erdgeschoss die Belohnung.
- Heiraten im Leuchtturm: Pilsum und Borkums Alter Leuchtturm machen es möglich – die Termine sind begehrt, früh anfragen.
Kurz gesagt: Ostfrieslands Leuchttürme erzählen die ganze Geschichte der Küste – vom Renaissance-Turm auf Borkum über den Eiffelturm des Nordens in Campen bis zum kleinen Gelb-Roten, der ohne Leuchtfeuer berühmter wurde als alle anderen mit. Wer die Türme abklappert, hat nebenbei die schönsten Ecken zwischen Krummhörn und Wangerooge gesehen – und genau das ist der eigentliche Trick dieser Route.